Ulrich Wickert

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Der Turmschreiber in Die Welt vom 30.7.13

Seit Februar schreibt der ehemalige Anchorman der "Tagesthemen" an seinem neuen Kriminalroman, seit Ende Mai tut er das im sogenannten Turmzimmer des Verlags Hoffmann und Campe in Harvestehude. 15 Stufen hat die letzte sehr steile Wendelstiege. Sehr eng ist sie, nicht alle Autoren würden dieses Nadelöhr meistern, Ulrich Wickert schon. Er ist schlank. Und dann sitzt er da, ganz hier oben, in diesem Turmzimmer, dass ihm der Hoffmann und Campe Verlag am Harvestehuder Weg zur Verfügung gestellt hat, um einen neuen Kriminalroman zu schreiben. Rundum ist das Zimmer verglast, 16 Fenster begrenzen die vielleicht 18 Quadratmeter, und Ulrich Wickert, der einstige Anchorman der "Tagesthemen", wirkt mit seinen stattlichen gut 190 Zentimetern Körpergröße fast ein wenig klein in diesem lichtdurchfluteten Raum, dessen Decke sich bis fast vier Meter in die Höhe streckt. Ein Regal, ein Stuhl, ein vielleicht drei Meter langer, weißer Schreibtisch, auf dem ein Laptop von Apple steht und ein Telefon, einige sorgfältig sortierte Papiere liegen dort, ein gelber Kaffeebecher, ein gelbroter großer Apfel als Farbtupfer. In das Regal hat ihm der Verlag seine bislang veröffentlichten Bücher gestellt. Auch "Neugier und Übermut", sein aktuelles Sachbuch. Eine Art Schreibmotivation? Vermutlich braucht er die nicht. Eine freundliche Geste sei das, sagt Wickert und lächelt. "Wissen Sie was, wir haben da doch den Turm, da können Sie doch schreiben", hatte Verleger Thomas Ganske ihm vor einigen Monaten bei einem Essen im Anglo-German-Club vorgeschlagen. Nach kurzer Bedenkzeit willigte Wickert, 70, ein. "Es ist absolut inspirierend hier, weil ich hier nur an meinem Krimi schreibe, sonst nichts. Ich beantworte keine Mails, kein Postbote klingelt an der Tür, weil die Briefe nicht mehr in den Briefkasten passen. Hier ist es absolut befreiend." Wie der Inselschreiber von Sylt oder der Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, so ist Ulrich Wickert in diesen Tagen der Turmschreiber von Harvestehude. Eine Art Bewohner des Elfenbeinturms, wie Peter Handke das Arbeiten in der Abgeschiedenheit in den 70er-Jahren einmal genannt hat. Wenn er von seinem Laptop aufschaut, geht der Blick hinauf in den weiten Hamburger Himmel, der sich über die Alster, das satte Grün der hohen Bäume und die weißen Villen spannt. Und dieser Blick endet irgendwo in einer Pariser Bar, in der Untersuchungsrichter Jacques Ricou gerade den ersten Café des Tages nimmt, oder in dem Gassengewirr von Marrakesch, in einem dort ansässigen Ingenieursbüro, in dem ein mutmaßlicher Berufskiller gerade an seinem Schreibtisch Platz nimmt. Mitten in Ulrich Wickerts neuem Kriminalroman also, an dem er seit Februar schreibt, der noch keinen Titel trägt, im kommenden Frühjahr aber erscheinen wird. Es ist Wickerts bereits fünfter Kriminalroman mit diesem eigenwilligen Untersuchungsrichter Ricou. Was ist das für eine Figur? "Mich treibt eigentlich die Idee um", sagt Wickert, "dass es da jemanden gibt, der keine Angst hat vor den Mächtigen." Der fiktive Ricou basiert auf wirklichen Personen. "Es gibt in Frankreich Untersuchungsrichter, die so handeln wie er. Solche Richter gibt es bei uns kaum, weil es das System so nicht gibt. Ein Untersuchungsrichter in Frankreich hat das Recht, vorzuladen, wen er will, Hausdurchsuchungen anzuordnen, wo er will, und in Untersuchungshaft zu stecken, wen er will. Das ist bei uns undenkbar." Ein unbequemer Mensch, dieser Ricou. Wie viel Wickert steckt denn in ihm? "Ach Gott, es kommt mir ja nicht darauf an, eine Meinung gegen den Mainstream zu vertreten, sondern meine eigene Meinung, auch wenn sie von anderen nicht immer geteilt wird." Ein Satz, der auch in einem seiner Romane stehen könnte, Ricou in Reinkultur. In seinem gläsernen Autorenexil widmet sich Wickert intensiv seiner Figur. "In diesem Turmzimmer bin ich wirklich ganz im Schreiben drin, wie ich es in dieser Form noch nie hatte. Hier habe ich nur das, was ich für das Buch brauche. Selbst als die Kinder noch nicht da waren, hatte ich viel mehr Ablenkung." Die Kinder. Seit knapp eineinhalb Jahren hat Wickert mit seiner Frau Julia Jäkel, der Vorstandsvorsitzenden von Gruner + Jahr, Zwillinge. "Wir haben Gott sei Dank eine Kinderfrau, sodass der Alltag relativ ähnlich abläuft wie immer, wenngleich meine Frau und ich natürlich morgens etwas früher aufstehen. Dann lese ich meine Zeitungen…" Wickert entdeckt den Porzellanteller mit aufgeschnittener Wassermelone, den eine Verlagsmitarbeiterin auf seinen Schreibtisch gestellt hat, zur Erfrischung in der Sommerhitze. "Nehmen Sie doch hier ein Stück!" Die Melone schmeckt süß, es tropft ein wenig auf den Schreibtisch. Fünf bis sechs Stunden verbringt Wickert jeden Tag in dem Turmzimmer, schreibt sein Pensum, das er nicht klar definiert hat. "Pensum heißt für mich nur, die Geschichte ein wenig weiterzudrehen." Das sind mal zwei, mal acht Seiten. "Wichtig ist, dass ich die Überschrift fürs nächste Kapitel habe. Dann weiß ich auch, wie es weitergeht." Jeden Morgen druckt er sich die Seiten des Vortages aus, überarbeitet sie handschriftlich und gibt sie wieder in den Laptop ein. Wickert kramt auf dem Schreibtisch in den vorsortierten Seiten herum. "Ach, das hier dürfen Sie eigentlich gar nicht sehen!" Rasch legt er das Geschriebene beiseite. "Das war nur ein Arbeitstitel." Eben. Und kein Staatsgeheimnis. Gerade hat er die Biografie des Berufskillers vollständig umgebaut, damit er dramaturgisch näher an den Untersuchungsrichter heranrückt. "Das Wichtigste ist doch, dass es am Ende Sinn macht." Sagt er und lacht sein lautes Ulrich-Wickert-Lachen. Sinn, völlig klar, hat schließlich noch keiner Geschichte geschadet. Es gibt auch Tage, an denen sich Wickert nicht bei den Verlagsangestellten meldet. "Dann wissen die gar nicht, ob ich überhaupt hier bin." Und wenn er doch einmal zum Telefon greift, um irgendwo im Hause anzurufen, dann leuchtet am dortigen Apparat auf dem Display der Schriftzug "Turm" auf. "Eine tolle Idee, das hat sich die Frau von Ganske ausgedacht." Der Herr im Turm, so weiß man, hat dann einen Wunsch. Kommt aber wohl selten vor. "Ich brauch' hier ja nichts", sagt Wickert und wirkt rundum zufrieden. Im hellblauen Hemd mit weißen Streifen, dunkelblauer Jeans und Segelschuhen sitzt der Mann, der noch 2005 zum Krawattenmann des Jahres gewählt worden war, hinter seinem Laptop. Noch immer umgibt ihn diese Aura aus hanseatischer Seriosität und unbekümmerter Jugendlichkeit, die ihn zu seinen Fernsehzeiten so ungeheuer populär und glaubwürdig gemacht hat. Und nach der Schreibeinheit geht es wieder die Stiege runter, rein in den Fahrstuhl, rauf aufs Fahrrad – und ab in die Isestraße zu den Zwillingen? "Schon, aber wir haben ja eine gute Kinderfrau…" Sollte ein Vater denn nicht anwesend sein? "Ja, sicher, das ist er ja auch – nachmittags, abends und natürlich morgens. Ich kümmere mich dann weitgehend um die Organisation des Haushalts, dafür hat meine Frau keine Zeit." Und Jacques Ricou, der Richter, bleibt zurück, allein im Turmzimmer, den Himmel Hamburgs über sich.


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