Ulrich Wickert

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ZEIT-Magazin vom 11.9.14

Ulrich Wickert "Ich kann wunderbar nichts tun" Zweite Heimat: Ulrich Wickert in Paris Der ehemalige "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert über sein Leben nach der Fernsehkarriere Von Tillmann Prüfer ZEITmagazin: Herr Wickert, ein freier Tag in Paris – was machen Sie da als Kenner der Stadt? Ulrich Wickert: Ich gehe zunächst zu meinem Kiosk und kaufe mehrere Zeitungen. Dann gehe ich frühstücken im Café de Flore an der Place Saint Germain. Dort treffe ich morgens Freunde, die abends nicht können. Zu einem solchen Tag gehört für mich unbedingt ein Spaziergang im Jardin du Luxembourg. Das ist meine romantische Seite. Es gibt kaum einen französischen Autor, der nicht eine Szene geschrieben hat, die in diesem Park spielt. Und dann finde ich bemerkenswert, dass dort die Statuen aller Königinnen Frankreichs stehen. In Deutschland würde man nur Statuen von Männern hinstellen. Und am Abend? Da treffe ich mich mit Freunden in einem kleinen Restaurant. ULRICH WICKERT wurde 1942 in Tokio geboren, wo sein Vater Rundfunkattaché der deutschen Botschaft war. Nach dem Studium arbeitete Wickert für die ARD, von 1977 an als Washington-Korrespondent, 1984 wurde er Leiter des Pariser ARD-Studios. Von 1991 bis 2006 moderierte er die Tagesthemen ZEITmagazin: Passen Sie besser nach Paris oder nach Hamburg, wo Sie jetzt leben? Wickert: Nach Paris. Schon, weil die Bistros morgens offen haben und ich zum Croissant einen Café au lait trinken kann. In Hamburg öffnen die Cafés erst um zehn. ZEITmagazin: Sie sind Paris noch sehr verbunden. Wickert: Ja, Paris ist ein Stück Heimat für mich. Wegen der Freunde und wegen der Erinnerungen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb die Krimis, die ich schreibe, hier spielen. Ich habe sogar einmal eine frivole Szene in dem Hotel spielen lassen, in dem ich immer absteige. Und in die Korrekturfahnen meines jüngsten Romans, der im März erschien, konnte ich gerade noch einfügen, dass Hollande eine neue Freundin hat. ZEITmagazin: Nachdem Sie als Tagesthemen-Moderator aufgehört haben, begannen Sie, Unterhaltungsliteratur zu schreiben, anstatt weiter das Weltgeschehen zu kommentieren, wie es viele Kollegen tun. Warum fällt es Männern so schwer, loszulassen? Wickert: Ich glaube, viele verdrängen ganz einfach oder bereiten sich nicht darauf vor, dass sich ihre Rolle ändern wird. Mir fiel es leicht, mich umzustellen, weil ich schon vorher viele Bücher geschrieben hatte. Ich wusste also, was mir Spaß machen würde. Ich hatte mir in meinen Tagesthemen-Vertrag schreiben lassen, wann Schluss sein würde. Ich hatte also genügend Zeit, mich darauf vorzubereiten. Ich habe die Tagesthemen bis zum letzten Tag gerne moderiert – und mich danach mit Freude auf mein neues Leben als Autor gestürzt. ZEITmagazin: War die Pensionierung für Sie eine Herausforderung? Wickert: Für mich hieß es vor allem: Morgens gehe ich nicht mehr ins Büro, sondern in mein Arbeitszimmer. Es bedeutete eine große Freiheit, aber sicher, man muss sich auf diese Freiheit vorbereiten. Bevor ich von Paris aus zu den Tagesthemen wechselte, wusste ich ja, dass ich abwechselnd immer eine Siebentagewoche in der Redaktion verbringen, danach aber einige Tage frei haben würde. Viele Leute dachten, dass ich jeden Abend eine halbe Stunde arbeite. Die kamen dann abends im Restaurant an meinen Tisch und sagten: Herr Wickert, müssen Sie nicht bald mal los? Um die freien Tage zu füllen, habe ich mich selbst überlistet. Noch als Korrespondent begann ich ein Buch in Paris: Und Gott schuf Paris wurde daraus. Das habe ich als Tagesthemen- Moderator fertig geschrieben. Und als ich bei den Tagesthemen aufhörte, hatte ich schon wieder einen Krimi angefangen. Den habe ich gewissermaßen dann in die Freiheit mitgenommen. Ich glaube, Glück tritt nur selten ein. Wir wünschen es uns, aber wir können es nicht erarbeiten Ulrich Wickert ZEITmagazin: War das Krimischreiben ein Traum? Wickert: Ich war schon immer ein Fan von Raymond Chandler. Und eines Tages ging ich als Student in den USA in einen Film, von dem alle sagten, der sei sensationell neu. Das war der erste James-Bond-Film, Dr. No. Sofort habe ich auch Ian Fleming gelesen. Später sagte dann ein britischer Freund zu mir, wir sollten gemeinsam einen Spionageroman über Brüssel schreiben. Ich sollte den deutschen Part schreiben, er den britischen. Ich war ganz begeistert, schrieb ein Kapitel und schickte es ihm. Dann hörte ich lange nichts mehr. Irgendwann fragte ich mal nach, da sagte er mir, dass er leider nicht genug Deutsch könnte, um mein Zeug zu lesen. Das war’s dann erst mal. Aber die Idee hat mich nie losgelassen. ZEITmagazin: Sie haben von Ihrem Verlag Hoffmann und Campe ein Turmzimmer im Verlag zum Schreiben zur Verfügung gestellt bekommen. Wickert: Ja. Bei mir zu Hause klingelt das Telefon, der Paketbote kommt für den abwesenden Nachbarn, der Postbote schellt, weil die Briefe nicht in den Briefkasten passen, es liegen allerlei Papiere herum, die ich bearbeiten müsste. Das nervt. Aber wenn ich im Turm bin, versinke ich völlig in den Verbrechen und der Jagd nach Aufklärung. Im Turm kann ich auch einfach einmal eine Stunde aus dem Fenster schauen. Dann stehe ich auf, mache das Fenster auf, setze mich, stehe wieder auf – und mache es zu. Solche Momente braucht ein Autor zum Nachdenken. ZEITmagazin: Wie schaffen Sie es eigentlich, immer als moderner Mann zu gelten? Nach Ihrer Fernsehkarriere hüten Sie als 71-Jähriger Haus und Familie, während Ihre Frau Julia Jäkel den Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr leitet. Wickert: Vielleicht bin ich einfach ein kindlicher Mensch geblieben. Ich war immer sehr neugierig und wollte wissen, was um mich herum passiert. Und ich will es immer noch wissen. Außerdem gehöre ich zu einer Generation ohne Angst. Meine Generation stand nicht unter dem Druck, dem junge Menschen heute ausgesetzt sind. Ich weiß zum Beispiel gar nicht, was mein Notenschnitt im Abi war. Ich hatte Abitur, Punkt. Deswegen konnte ich zur Uni. Wir haben uns nie Gedanken gemacht, ob wir einen Job bekommen würden. Irgendwas würde schon kommen. Wir sind sehr selbstbewusst mit unseren Vorgesetzten umgesprungen, und ich habe nie Angst gehabt, meine Meinung zu sagen. Gerade heute hat mich ein Taxifahrer darauf angesprochen, ich hätte doch im Herbst 2001 gesagt, bin Laden und Bush hätten die gleiche Denkstruktur. Das brachte mir damals unendlich viel Ärger ein. Der Taxifahrer meinte: Aber Sie hatten damals ja recht. Man sollte sich bewusst machen: Niemand wird degradiert oder entlassen, nur weil er sagt, was er denkt. ZEITmagazin: Sie müssen nun den Haushalt organisieren, sich um Ihre beiden kleinen Kinder kümmern. Mussten Sie etwas neu lernen? Wickert: Ich hatte nicht das Gefühl. Es ist herrlich. ZEITmagazin: Sie sind nun mit jemanden verheiratet, der wahnsinnig beschäftigt ist und ... Wickert: ... tagsüber nicht da ist. Es fällt mir nicht auf, dass das Leben meiner Frau und meines ein verschiedenes Tempo haben. Wir reden beim Abendessen über die Dinge, die uns beschäftigen, wie in jeder anderen Familie auch. ZEITmagazin: Aber es ist anders, als wenn man in einen Job eingespannt ist, oder? Wickert: Ich hatte bei den Tagesthemen natürlich das Gefühl, ganz nah am Weltgeschehen dran zu sein. Und jetzt habe ich ein bisschen mehr Distanz. Aber es gibt ja das Internet, und ich lese jeden Tag die Süddeutsche, FAZ, Le Monde, Die Welt, International New York Times, Bild und dann natürlich auch Spiegel und ZEIT, und abends schaue ich schon mal Tagesschau, heute journal und Tagesthemen hintereinander. Und am Morgen höre ich Deutschlandfunk. Die Kinder wissen schon, wo man ihn anstellt. ZEITmagazin: Wie lange lesen Sie denn morgens Zeitung? Wickert: So eineinhalb Stunden. Wenn ich nicht das Gefühl habe, ich müsste dringend an meinem Manuskript weiterschreiben. ZEITmagazin: Wie sieht ein typischer Wickert-Tag aus? Wickert: Ich frühstücke, lese Zeitung, zwischen 10 und 11 Uhr mache ich etwas Verwaltungskram, und dann schreibe ich. Ich korrigiere das Krimimanuskript vom Vortag und schreibe dann weiter. Das geht dann bis halb vier, vier, halb fünf. Ich kann erst aufhören, wenn ich weiß, wie die Story am nächsten Tag weitergeht. Und dann mache ich ganz normale Sachen, einkaufen zum Beispiel. Ich liebe Einkaufen. Ich kann mit dem Gemüsehändler diskutieren, mit dem Metzger reden. Ich überlege mir immer genau, welchen Käse ich kaufe. ZEITmagazin: Sie lieben Käse? Wickert: Ja, in meiner Pariser Zeit bin ich häufig an einem Käsegeschäft vorbeigekommen, vor dem die Leute Schlange standen, sogar Catherine Deneuve. Ich habe mich nie getraut, hineinzugehen. Hätte ich gesagt, ich möchte Käse, hätten die sich kaputtgelacht. Hätte ich gesagt, Camembert, hätten sie gefragt, welchen? Da fiel mir ein: Ich könnte als Journalist in den Laden gehen. Also verabredete ich mich mit dem Käsehändler zum Interview. Ich bin heute noch mit ihm befreundet. Er hat mir wichtige Einsichten gegeben. ZEITmagazin: Welche denn? Wickert: Die Käsewelt besteht aus Jahrhunderte alten Mythen. Ich habe deshalb einen Film über die karge Larzac-Hochebene und den Roquefort gedreht. Käse ist zunächst einmal eine Aufbewahrungsform von Milch. Die Bauern brauchten im Winter etwas zu essen, also verwandelten sie verderbliche Milch in haltbaren Käse. Zur Verbreitung des Käses kam es erst mit der Eisenbahn. Der Camembert kommt aus der Normandie. Eines Tages fuhr ein Ingenieur aus dem Büro von Eiffel in die Normandie und war begeistert von diesem weichen Käse. Also erfand er das kleine Holzkästchen, damit der Camembert reisen kann. ZEITmagazin: Mussten Sie sich nach der Pensionierung daran gewöhnen, mal nichts zu tun? Wickert: Nein, ich kann wunderbar nichts tun. Vor allem, wenn ich in Paris bin. Im Jardin du Luxembourg gibt es ein kleines Café. Da kann ich völlig entspannt sitzen, das Handy ausstellen und nachdenken. Aber meist habe ich nach drei oder vier Tagen Nichtstun eine Idee, etwas zu tun. ZEITmagazin: Viele Menschen müssen jede Minute mit Beschäftigung füllen. Wickert: Ich sehe ständig Leute, die in ihre Smartphones starren, die bedauere ich. Mich beschäftigt dafür zu vieles. Und ich brauche Zeit, das zu verarbeiten. Um nachzudenken. Oft sitze ich irgendwo und schaue irgendwohin, aber ich sehe gar nichts, weil ich in mich hineingucke. Die Fantasie arbeiten zu lassen finde ich herrlich. ZEITmagazin: Wie viel Zeit brauchen Sie für sich? Wickert: Ich brauche viel Zeit für mich. Ich genieße es, allein eine Woche in unserem Häuschen in Südfrankreich zu sein und scheinbar nichts zu tun, nur für mich zu sein, zu joggen, zu lesen, zu träumen. Das finde ich entspannend. Und kreativ. Meine Generation stand nicht unter dem Druck, dem junge Menschen heute ausgesetzt sind Ulrick Wickert ZEITmagazin: Was macht glücklich? Wickert: Eine Zeit lang habe ich gedacht, Diogenes in seinem Fass sei der Glücklichste gewesen. Er hatte keine Wünsche. Selbst als Alexander der Große ihn fragte, welchen Wunsch er Diogenes erfüllen könne, antwortete der nur: "Geh mir aus der Sonne." Dann aber habe ich über Diogenes gelesen, und festgestellt, dass er ein sehr unangenehmer Zeitgenosse war. Ich glaube, Glück tritt nur ganz selten ein. Wir wünschen es uns, aber wir können es nicht kaufen, nicht erarbeiten, nur ersehnen. So vieles ist Zufall, auch, ob diese Momente des Glücks kommen. ZEITmagazin: Und was macht zufrieden? Wickert: Das hängt davon ab, ob man mit sich eins ist. Ich bewundere Menschen, die dafür nicht viel brauchen. Aber ich sehe vor mir die Chefs von Internetgiganten, die immer noch größere Jachten bauen lassen. Die können doch nicht zufrieden sein. ZEITmagazin: Haben Sie ein Boot? Wickert: Ich kann nicht einmal segeln. ZEITmagazin: Wie schafft man es mit 71 noch auszusehen wie 54? Wickert: Bordeaux konserviert gut. Sonst: regelmäßig Tennis und zum Frisör gehen. ZEITmagazin: Was haben Sie in der letzten Zeit gelernt? Wickert: Ich habe viel über Karl den Großen gelesen – und meine Vorhand ist besser geworden.


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