Ulrich Wickert

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Ulrich Wickert schreibt einen Liebesbrief an die französische Nationalfigur "Marianne" – 09.06.2016, DIE ZEIT

Liebste Marianne,

Weißt Du, das mag ein wenig altmodisch klingen, meine Liebe, wenn ich sage, ich schwärme für Dich. Aber das wird jeder verstehen, der unsere Geschichte kennt. Nur ein Mal habe ich Dich in Person getroffen, nämlich bei jener Zeremonie in Paris, als Deiner Büste die Gesichtszüge von Catherine Deneuve verliehen wurden. Aber schon viel früher hatte ich ein Auge auf Dich geworfen. Im Grunde bist Du eine Jugendliebe.
Denn näher kennengelernt habe ich Dich, als ich in den fünfziger Jahren in Paris zur Schule ging und wir die Französische Revolution durchnahmen. Deren Kind bist Du ja. Deshalb wird der Tag, an dem die Bastille gestürmt wurde, der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag, auch gern als Namenstag der Sainte Marianne bezeichnet. Und bevor die Revolutionäre anfingen, König und Königin, dann aber auch sich selbst untereinander zu köpfen, haben sie Dich als Sinnbild gewählt. Aus Liebe!
Marianne war damals in Frankreich nicht nur der beliebteste Mädchenname. Mit ihm verband sich symbolisch auch die Idee eines jungen Mädchens, das zu erobern sich der in Liebe entbrannte Junge vornimmt (zum Beispiel ich). Zur Melodie eines klassischen Liebeslieds sang man schon in alten Zeiten in der Auvergne: La bouole lo Mariano – la bouole, omaï l’aurai. (»Ich will sie, die Marianne, ich will sie und werde sie haben.«) Durch diese beliebte Volksweise wurde Dein Name so populär, dass man ihn seitdem immer dann benutzt, wenn man ein geliebtes weibliches Wesen symbolisieren will.
Später habe ich auf dem Flohmarkt an der Porte de Clignancourt ein altes Plakat erstanden, eine Kopie Deiner vermutlich bekanntesten Darstellung. Da führst Du mit der blau-weiß-roten Fahne in der erhobenen Faust die Revolutionäre über die Barrikaden. Natürlich mit blankem Busen. Ach, auch diese prallen Brüste sprechen für Dich, für die exception culturelle der Franzosen. Denn andere Frauensymbole, Britannia etwa oder Germania, sind Machtfiguren mit männlichen Zügen. Britannia rules the waves, und Germania trägt einen Brustpanzer samt Schwert und wacht am Rhein.
Bei Dir liegen die Waffen höchstens zu Deinen bloßen Füßen, denn Du, Marianne, bist friedlich. Und sollte das nicht liebenswert sein?

Je t’embrasse,
Dein Ulrich W.

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