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Ein Journalist mit Haltung - 27.03.2009, FAZ

Wenn heute Preise an Journalisten vergeben werden, dann vielleicht, weil sie einen besonderen Scoop, eine Enthüllung, gelandet haben oder weil sie so häufig zu sehen sind, dass sie zum Fernsehmobiliar gehören, geachtet werden und das Publikum erfreuen. Fast altmodisch mag man da den Grund nennen, weshalb der ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender in diesem Jahr mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus ausgezeichnet wird: Er erhält ihn für seine Haltung (siehe: Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Brender).

Was heißt das? Eine Haltung zeichnet den Charakter einer Person aus, sie leitet sein Handeln. Bei einem Journalisten wie Nikolaus Brender bedeutet Haltung, dass er sein ganzes Berufsleben für journalistische Qualität und Unabhängigkeit stand - und steht. Was bedeutet Unabhängigkeit im öffentlich-rechtlichen System? Er ist nur seinem journalistischen Auftrag verpflichtet. Er geht keine Kumpanei ein - etwa mit Politikern, die Posten besetzen. Er gibt sich keinem Gefälligkeitsjournalismus hin. Er lässt sich von niemandem vereinnahmen, schon gar nicht von einer politischen Partei. So hat es Nikolaus Brender immer gehalten.

Haltung ist wichtiger als Karriere

Als er in hierarchische Höhen aufstieg, wo Politiker in Rundfunk- oder Verwaltungsräten verlangen, dass Journalisten sich ihren „Freundeskreisen“ anschließen, hat er es nicht getan, auf die Gefahr hin, nicht Chefredakteur zu werden. Haltung zeigt man aber nicht nur einmal und legt sie dann in die Schublade, sondern Haltung bedeutet Auseinandersetzung im täglichen Geschäft. Und da hat Nikolaus Brender immer wieder seine Unabhängigkeit bewiesen.

Nur so kann etwa eine kritische Magazinsendung wie „Frontal 21“ Erfolg haben. Die Redaktion weiß, dass Brender steht, wenn eine einflussreiche Person, die vielleicht auch noch im Fernsehrat sitzt, sich über ein ihr nicht passendes Interview beschwert. Brender fragt nur, ob juristisch alles in Ordnung sei. Dann vertraut er seiner Redaktion und lehnt den erbetenen Eingriff ab. Damit macht er seinen Mitarbeitern Mut zu journalistisch unabhängigem Arbeiten. Haltung bewahren bedeutet für einen Journalisten in hoher Position, selbst Mut zu beweisen und Vorbild zu sein.

Haltung ist für das eigene Selbstwertgefühl wichtiger, als Karriere zu machen. Aber es ist wichtig, die Haltung auch anderen als Maßstab des Handelns zu vermitteln. Als ich noch bei den „Tagesthemen“ arbeitete, fragte mich ein junger Journalist um Rat. Man hatte ihm in seinem Sender gesagt, er solle in die CDU eintreten, dann könne er Karriere machen. Ich habe ihm abgeraten und empfohlen, durch journalistisches Engagement aufzufallen. Er folgte meinem Rat, erhielt bald ein Angebot eines anderen Senders und macht journalistische Karriere. Solchen jüngeren Kollegen kann die Haltung von Nikolaus Brender Mut machen.

Da schäme ich mich

Als keine Haltung empfinde ich es, wenn Kollegen sich in der Diskussion um den parteipolitischen Einfluss bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zynisch äußern und meinen: Das war immer so. Was regt ihr euch auf? Man muss halt sein Lager suchen. Ja, da schäme ich mich.

Haltung haben die ZDF-Journalisten gezeigt, die sich in einem Brief an ihren Intendanten für Nikolaus Brender aussprachen. Dass mag einem Außenstehenden als normal erscheinen, aber nicht dem hessischen Ministerpräsidenten, der öffentlich drohte, die Unterzeichner hätten sich damit keinen Gefallen getan (Im Gespräch: Roland Koch über den Fall Brender). Nur einer, der angesprochen wurde, hat sich geweigert, diesen Brief zu unterschreiben: Peter Hahne, der als der Unionskandidat für den Chefposten beim ZDF-Studio in Berlin gilt. Jeder kann sich ausmalen, weshalb Hahne keine Haltung bezogen hat.

Haltung haben in der Vergangenheit immer wieder Journalisten gezeigt und auch Hierarchen. Als Dieter Stolte ZDF-Intendant war, erhielt er eines Tages einen Anruf aus dem Bundeskanzleramt, und Juliane Weber, Kohls Bürochefin, sagte ihm, er möge zum „Chef“ kommen. Wessen Chef?, fragte Stolte. Na gut, zu ihrem Chef. Stolte fuhr zu Bundeskanzler Helmut Kohl, der ihm erst einmal langwierig einen Apfel zum Essen anbot, viel drum rumredete und ganz zum Ende des Gesprächs sagte: Den Soundso machen Sie jetzt zum Programmdirektor! Stolte lehnte höflich ab. Er habe jemand anderen im Auge. Wen denn? Er nannte den Namen. Kohl: Der kann das nicht. Stolte blieb dabei. Kohl wütend: Auf Ihre Verantwortung. Stolte, so sagt er heute, beging dann einen Fehler. Er sagte: Ja, auf meine Verantwortung. Der Bundeskanzler hat den Intendanten daraufhin sechs Monate lang öffentlich geschnitten. Stolte war es, der bewusst Nikolaus Brender zum Chefredakteur des ZDF ernannte.

Vorbild Neuffer

Haltung kann auch der jetzige ZDF-Intendant Markus Schächter zeigen, wenn er bei seinem Vorschlag bleibt, den Vertrag von Nikolaus Brender als ZDF-Chefredakteur gegen den ausdrücklichen Wunsch der CDU, vertreten durch den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, zu verlängern.

Vorbild für sein Verhalten mag der ehemalige NDR-Intendant Martin Neuffer sein, der gegen den Willen der CDU in den siebziger Jahren Peter Merseburgers Vertrag als Fernsehchefredakteur des NDR verlängerte (Rundfunk- und Pressefreiheit: Der Fall Merseburger und die Lehren daraus). Die unionsgeführten Regierungen in Kiel und Hannover klagten gegen diese Vertragsverlängerung, allerdings mit einem für sie unfruchtbaren Ergebnis: Die politische Zusammensetzung des Verwaltungsrates wurde vom Bundesverwaltungsgericht kritisiert. Und genau auf dieses Ergebnis hin sollte der ZDF-Intendant Schächter jetzt zielen: Die parteipolitische Besetzung des Fernsehrates des ZDF muss aufgehoben werden. Denn bestehen nicht auch hier erhebliche Zweifel an der verfassungsgemäßen Besetzung dieses Gremiums? Von den vierzehn Mitgliedern sind zehn amtierende oder ehemalige Politiker, den Vorsitz führt der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck.

Seinen Kollegen Roland Koch motiviert Machtdenken, aber keine inhaltliche Haltung. Aus Machtdenken hat er das Gesetz für den Hessischen Rundfunk ändern lassen, damit er dort einen ihm vermeintlich genehmen Intendanten einsetzen konnte. Und über den Chefredakteur des Hessischen Rundfunks übt er seine Macht aus. Manch ein Journalist wird für einen Bericht direkt aus der Staatskanzlei abgekanzelt.

Schächter muss Koch Paroli bieten

Aus Machtdenken möchte Koch jetzt Nikolaus Brender aus dem Amt verscheuchen. Aber ist Koch nicht nur der Ausführende für jemand anderen? Keiner spricht es offen aus, aber hinter vorgehaltener Hand heißt es, die Bundeskanzlerin Angela Merkel stecke dahinter. In der Machtpolitik um die Besetzung von Posten in den öffentlich-rechtlichen Sendern spiele sie eine entscheidende Rolle. Nikolaus Brender wollte sie nicht als Intendanten des WDR. Warum eigentlich? Hat Nikolaus Brender in der bis heute unvergessenen Sendung am Wahlabend im September 2005 nicht seine unabhängige journalistische Haltung bewiesen, als er sich vor laufenden Kameras von Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht ducken ließ (siehe: „Er bleibt der Medienkanzler“: Nikolaus Brender im F.A.Z.-Gespräch)? Aber weil dieser Haltung Unabhängigkeit als Maßstab des Handelns zugrunde liegt, gefällt sie Machtpolitikern aller Couleur nicht.

Haltung könnten der Freiheit der Presse verpflichtete Politiker beweisen, wenn sie jetzt Stellung bezögen. Am 10. März widmete die „Bild“-Zeitung einen großen Artikel dem CDU-Bundestagsabgeordneten Gunter Krichbaum, Chef des Europaausschusses im Bundestag. Die (fast vollständige) Überschrift lautete: Bundestag und EU besorgt über Angriff auf Pressefreiheit. CDU-Politiker Krichbaum hat EU-Kommissionschef Barroso geschrieben: „Die zunehmende Gefährdung der Presse- und Meinungsfreiheit . . . muss den energischen und entschiedenen Widerspruch der Kommission herausfordern.“ Es ging um die Türkei.

Ist ihnen Selbstachtung wichtig?

Jaja, auch ich weiß, Deutschland lässt sich nicht mit der Türkei vergleichen. Aber aus der deutschen Vergangenheit mit zwei Diktaturen wissen wir, was Goebbels und andere bewirken können. Goebbels war der Grund, weshalb die Briten in der Bundesrepublik einen staatsfernen Rundfunk einrichten wollten. Die DDR-Vergangenheit sollte gerade den Politikern, die dort gelitten haben, eine Warnung vor politischen Eingriffen sein.

Haltung könnten auch die Mitglieder des ZDF-Verwaltungsrates einnehmen, die sich nicht von Roland Koch missbrauchen lassen wollen. Denn von ihnen hängt es ab, ob Koch mit seiner Blockadepolitik durchkommt. Wenn ihnen Selbstachtung wichtig ist, dann können vermeintlich parteiungebundene Mitglieder des ZDF-Verwaltungsrates der Machtpolitik nicht zustimmen. Wir werden sehen, ob in den Gremien des ZDF Personen mit Haltung sitzen. Warum sollte Nikolaus Brender nicht auch ihnen ein Vorbild sein?

Ulrich Wickert ist Publizist, Produzent und ehemaliger „Tagesthemen“-Moderator. Er ist Mitglied der Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises.

Von Ulrich Wickert / Text: F.A.Z.

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