Ulrich Wickert

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Warum reichten sie sich die Hand? - 25.09.2009, FAZ

Helmut Kohl lief eine Träne über die Wange, als er beim Gedenkakt für den eben gestorbenen Francois Mitterrand in der Nôtre-Dame zu Paris saß. Ein Freund war gestorben. Ja, ein Freund, soweit unter Politikern Freundschaft möglich ist. Eine Träne, über die sich manch einer lustig gemacht hat. Zu unrecht. Gefühle sollten wir auch Politikern zugestehen.

Und so auch am 22.September vor 25 Jahren auf dem Soldatenfriedhof Douaumont. Jedem, der dabei war, überlief eine Schauer. Da haben die Gefühle auch den französischen Staatspräsidenten und den deutschen Kanzler übermannt. Plötzlich standen sie Hand in Hand.

Es wurde der längste Tagesschaubericht, den ich, damals als Korrespondent in Frankreich, je zusammengestellt habe: er dauerte mehr als sieben Minuten, üblich sind neunzig Sekunden.

Nur wenige haben gesehen, wessen Hand die des anderen suchte. Denn die Aufmerksamkeit richtete sich auf den Trompetenspieler, der mit seinem Instrument die Totenklage in das unfreundliche Wetter blies. Plötzlich standen der französische Staatspräsident und der deutsche Kanzler Hand in Hand. Der gemeinsame Auftritt von Francois Mitterrand und Helmut Kohl vor dem Gebeinhaus in Verdun war von französischer Seite der Versuch einer Wiedergutmachung; denn zur Vierzig-Jahr-Feier der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1984 waren die damals noch geteilten Deutschen – zu Recht – nicht eingeladen worden.

Es war ein Samstag. Das Gedenken spielte an verschiedenen Schauplätzen. Zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg betrat ein französischer Staatspräsident in Conceveye einen deutschen Soldatenfriedhof. Es nieselte ab und zu.Ich hatte eine komplizierte Logistik aufbauen müssen, um von den verschiedenen Schauplätzen das Filmmaterial der Kamerateams rechtzeitig zu erhalten. Motorradfahrer wurden eingesetzt, um die Kassetten schleunigst zum Schneideraum zu bringen. Denn das Gedenken spielte an verschiedenen Schauplätzen.

Als Höhepunkt dieses Gedenktages hatten sich die Organisatoren einen gemeinsamen Besuch Mitterrands und Kohls auf dem Friedhof von Douaumont mit seinem Gebeinhaus ausgedacht. In der Schlacht um Verdun starben 700 000 Soldaten. Und da man nach dem Krieg die Gebeine von 130 000 Toten nicht mehr nach Person oder gar Nationalität identifizieren konnte, vereinigte man deren Kochen im Gebeinhaus zu Douaumont.

Da stehen am späten Nachmittag an diesem Samstagnachmittag der Franzose, der im Zweiten Weltkrieg kämpfte, und der Deutsche, der seinen älteren Bruder in diesem Krieg verlor, inmitten von Kreuzen vor dem Gebeinhaus. Höhepunkt ist ihr stummes Verweilen vor dem mit Fahnen beider Länder bedecktem Sarg. Es ist kalt. Sie tragen Wintermäntel.

Neben dem Sarg hängt auf kurzen Lattenständern jeweils ein Kranz. Und in die Stille hinein ertönt der lang gezogene Ton der Trompete. Wer jetzt hier steht, den bedrückt allein das Wissen um den Wahnsinn der Menschen, die sich hier gemordet haben. Meist junge Männer um die zwanzig. Ganze Dörfer sind in Frankreich ausgestorben, weil die Mädchen wegzogen, nachdem die Männer nicht zurückkamen. Mit jedem Ton, den die aus der Kehle des Trompeters herausgepresste Luft in dem Instrument zur Klage formt, mit jedem Ton steigt das Gefühl der Hilflosigkeit. Und der Einsamkeit. Jeder schaut in sich hinein. Auch ich achtete auf den Trompeter und habe die Bewegung der Hände zueinander nicht gesehen.

Später fragte ich Francois Mitterrand, wer von beiden die symbolische Geste initiiert habe. Mitterrand antwortete, er habe plötzlich das Bedürfnis gespürt, als seiner Vereinsamung herauszutreten und mit einer Geste Helmut Kohl zu erreichen. Da habe er seine Hand ausgestreckt, und Kohl habe sie ergriffen. Und Helmut Kohl hat mir dies später auch bestätigt. Der deutsche Kanzler war erleichtert über die Geste Mitterrands. Mitterrand, der seine Gefühle stets für sich bewahrte, blickte trotz dieser Gebärde weiterhin in sich hinein, während Helmut Kohl in diesem beklemmenden Augenblick erleichtert zu dem Franzosen hinüberschaut, dankbar für diesen scheinbar kleinen Ausdruck von Menschlichkeit.

Der Handschlag von Verdun hat als Symbol das gleich Gewicht wie der Kniefall von Willy Brandt in Warschau. Lange nachdem die deutsche Einheit Wirklichkeit geworden war, lud Mitterrands Nachfolger, Präsident Jacques Chirac, den deutschen Kanzler Gerhard Schröder zur Sechzig-Jahr-Feier der Alliierten Landung an die Küste der Normandie. Das war 2004. Gewiss, auch ein bewegender Moment, als Chirac den gefallen Vater Schröders erwähnt, und sie sich hinterher beide umarmen. Ein wichtiger Augenblick für beide Länder. Aber doch eben nur ein Augenblick. Der Handschlag von Verdun bleibt.

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