Ulrich Wickert

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Lesen als Droge - 14.10.2009, Frankfurter Neue Presse

Der Autor war viele Jahre Korrespondent der ARD in Paris und anderen Metropolen der Welt. Zuletzt moderierte er die Tagesthemen.

Der französische Literaturnobelpreisträger J.M.G. Le Clézio hält sich gern versteckt. Er scheut die Öffentlichkeit. Vor wenigen Tagen aber kam er zu einem Treffen mit Lesern nach Paris, und eine seinetwegen aus Marseille angereiste Leserin sagte: „Dieser Mann ist ein Prinz. Er weiß es nicht, aber er hat mein Leben verändert. Ich möchte nur seinen Blick kreuzen.

Ja, so ist das. Lesen kann das Leben verändern. Wie kann man atmen, lernen, träumen, reifen, ohne zu lesen? Ohne Lesen kann ich nicht leben. Das war schon immer so. Mein Motto lautet: Lesen statt Fernsehen.

Denn Lesen regt die eigene Phantasie an. Wenn ich einen Abend lang nur fernsehe, wenn ich eine unmerklich lange Zeit am Computer surfe, dann werde ich unruhig, nervös und schlafe schlecht. Greife ich aber zum Buch, dann fange ich an, mich mit meiner eigenen Phantasie in eine andere Welt zu beamen. Die Gefühle, die das Lesen uns entlockt, sind weitaus stärker, als wenn wir uns etwas vorspielen lassen.

Mein Kriminalroman „Die Wüstenkönigin“ endet nachdenklich, sehr nachdenklich, ja, manche meinen sogar traurig. Mein Verleger sagte gleich: Herr Wickert, so dürfen Sie das Buch nicht enden lassen. Warum? Eine Frau, mit der die Leser sich stark identifizieren, überlebt nicht. Ein anderer Leser schickte mir sogar eine E-Mail, in der er sich völlig verzweifelt gab. Nein, das Ende (der Frau) wollte er nicht hinnehmen. Und er schlug mir einen von ihm neu geschriebenen, heiteren Schluss vor. Die Gefühle der Leser zeigten mir aber, dass ich das richtige Ende für meine Handlung gefunden hatte. Aber es geht auch anders herum: Lesen kann fröhlich machen. Sogar den Autor.

Vor wenigen Tagen führte ich mit Siegfried Lenz ein Gespräch über seine neue Novelle „Landesbühne“. Darin erleben dem Gefängnis entflohene Männer recht lustige Abenteuer. Da hat sich Lenz beim Schreiben amüsiert: „Wenn ich feststelle, dass es auch komische Aspekte gibt, dann lache ich am Schreibtisch.“ Er lacht oft so, dass seine Lebensgefährtin Ulla sagt: „Hat der Junge eine Macke?“ Aber, so Lenz: „Ich muss einfach. Das kann man auch als geglückte Selbstunterhaltung sehen. Aber sei es drum.“

Und wie sehr Lesen zur Droge werden kann, das erleben wir immer wieder, wenn es um Harry Potter geht oder auch nur um keusche Vampire. Als der meiner Feder entsprungene Richter aus Paris, Jacques Ricou, seinen dritten Fall löste, fragten mich Leser, wann denn der nächste Krimi mit Ricou erscheine. Nun, sagte ich, hier liegt er doch. Nein, den hatten sie schon gelesen. Sie seien süchtig nach Ricou, wann kommt denn der nächste (erst im Herbst 2010).

Lesen wirkt wie eine Droge, von der ein Süchtiger nicht mehr lassen kann. Deshalb lese ich manche Bücher immer wieder. Dazu zählt „Henri IV“ von Heinrich Mann. Zwei Bände je tausend Seiten dick. Aber sie gehören zu den faszinierenden Beschreibungen von Macht, Religion und Liebe. Auch die Kriminalromane von Raymond Chandler können mich wiederholt bannen, wie auch die meist traurig endenden Erzählungen von Raymond Carver, „Die Legende vom Heiligen Trinker“ von Joseph Roth, die Jagd nach Moby Dick oder Oskars Trommeln. Ganz zu schweigen von „Anna Karenina“ oder gar „Krieg und Frieden“.

Lesen ist eine Droge. Sie kann benebeln und sogar in den Tod führen – wie damals, als das „Leiden des jungen Werther“ vielen als Vorbild für den Ausweg aus dem Leben diente. Aber so weit muss man es dann doch nicht treiben. Für mich ist Lesen zu allererst ein Vergnügen, auch wenn manch ein Buch einem ganz schön etwas abverlangt, wie etwa Uwe Tellkamps „Der Turm“. Aber die Phantasiewelt, in die solche Autoren entführen, die bleibt, sie bereichert ein Leben lang. Und sie ist manchmal doch die wirkliche Welt. So sagt auch Lenz in der „Landesbühne“: ¡Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden.“

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