Ulrich Wickert

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Was ist mit deinem Gedächtnis los? - 10.09.2011, Frankfurter Allgemeine

Immer wieder brachte jemand neue Meldungen. Diese Meldungen selbst seriöser Agenturen konnten aber falsch sein. Ulrich Wickert über seine Unsicherheiten und Ängste am 11. September 2001.

Als das Rotlicht anging, wusste ich nichts. Auf dem Moderationstisch lagen ein paar Agenturmeldungen. Es war kein Bildschirm in den Tisch eingelassen, auf dem ich Meldungen hätte lesen können. So weit war man damals noch nicht. Auf CNN hatten wir in der Redaktion die Szenen aus New York gesehen. Die Sendemaschinerie fing langsam an zu laufen. Aus der Regie kamen zunächst weniger Signale als üblich. Und was folgt auf die Schalte nach Washington? Kannst du noch zwei Minuten weiterreden? Nein, kann ich nicht. Aber ich musste reden.

Ein Aufnahmeleiter führt Leute ins Studio und setzt sie rechts neben mich. So, und wer ist das? Ich habe keine Ahnung. Und es sagt mir auch keiner. Ich kann ja nicht fragen, weil mein Mikro offen ist und der Zuschauer dann meine blöden Fragen hören würde. Was soll ich tun? Ich schreibe während einer Schaltung einen Zettel und schiebe ihn meinem unbekannten Sitznachbarn zu: Wer sind Sie? Und was können Sie sagen? Aha, Katastrophendienst, aha Technisches Hilfswerk. Während ich aber den Zettel schreibe und die Antwort lese, kann ich nicht zuhören, was der Korrespondent in der Schalte sagt. Plötzlich hört der auf zu reden. Und in meinem Ohrwurm höre ich nur: Kannst du noch zwei Minuten weiterreden?

Auf Agenturmeldungen angewiesen

Dann hat man in der NDR-Kantine eine Korrespondentin aufgetrieben, die mal in Washington war. Jetzt aber in London. Ich wusste genau, wer sie war. Ich schätzte sie als sehr kompetente Kollegin. Man setzte sie auf die linke Seite des Moderationstisches. Ich hatte mit ihrem Vater in Washington einen Ausflug gemacht, um Decoy-Enten zu kaufen. Aber mir fiel ihr Name nicht ein. Und bevor der mir nicht einfiel, konnte ich sie auch nicht ansprechen. Was mache ich jetzt? Was ist mit deinem Gedächtnis los? Du kannst ihr keinen Zettel hinschieben, wer sind Sie, was können Sie sagen. Also redete ich weiter mit dem Architekten, Feuerwehrmann, Sicherheitsbeauftragten auf der rechten Seite. Irgendwann fiel der Groschen.

Immer wieder brachte jemand neue Meldungen. Die musst du bekanntgeben, während du sie selbst zum ersten Mal liest und verarbeitest. Aber welche Meldungen stimmen? Dir kommen Zweifel. Aus der Erfahrung beim Putsch gegen Gorbatschow zehn Jahre zuvor wusste ich: Agenturen melden schon einmal ganz schnell irgendeine Sensation, weil sie die ersten sein wollen, die das Ereignis verbreitet haben. Eine halbe Stunde später ziehen sie die exklusive Falschmeldung still und leise zurück. Aber wenn ich es vorgetragen habe, glauben es die Zuschauer.

Ich erinnere mich ganz genau, wie es zu Putschzeiten in Moskau war. Eine Agentur meldet: Die drei Putschisten fliegen zu Gorbatschow in den Kaukasus, verfolgt von dem Kampfpiloten Oberst Ruzkoi. Das lese ich damals vor, wir schalten sofort zu Gerd Ruge nach Moskau. Der sagt: Ich weiß, dass es drei Putschisten gibt und Ruzkoi Kampfflieger ist. Sonst aber nix. Richtig. Es stimme auch nix. Und ich fühlte mich damals wie ein Blödmann. Also beschließe ich diesmal: Der Zuschauer soll das Entstehen einer Nachrichtensendung miterleben. Der Moderator ist auf Meldungen von Agenturen angewiesen, kann sie aber nicht überprüfen. Diese Meldungen selbst seriöser Agenturen können aber falsch sein.

Der Anker in der Not

Vier Flugzeuge sind als Waffen benutzt worden. Alle anderen, die auch im amerikanischen Luftraum flogen, mussten landen. Aber zwei Maschinen fehlen noch, meldet CNN. Sind sie in der Hand der Terroristen? Ob das stimmt? Ich stelle es in Frage. Eine halbe Stunde später: Nein, es stimmt nicht. Der Chefredakteur fragt nach einer Stunde, ob ich noch eine Stunde weitersenden könnte. Ja.

Nach einer weiteren Stunde fragt er das noch einmal. Ich beschließe, nur noch sehr wenig zu trinken. Es werden fast viereinhalb Stunden auf dem unbequemen Hocker. Man kann nicht eben mal auf die Toilette gehen. Während ich moderiere, höre ich im Ohrwurm: Red weiter, wir haben noch keine Schaltung nach Berlin, New York, Paris, Moskau, red weiter. Ja, aber was denn? Also noch mal wiederholen, was war.

Jahre später treffe ich den ungarischen Autor Péter Esterházy. Ich stelle mich vor. Er sagt: Ich kenne Sie. Sie haben mir den größten Schrecken meines Lebens versetzt. Wieso? Ich komme mit dem Flugzeug aus New York, sagt er, gehe in Frankfurt ins Hotel, dusche und komme aus dem Bad. Da läuft im Fernsehen ein bescheuerter Hollywoodkatastrophenfilm. Attacke auf das World Trade Center. Plötzlich kommen Sie ins Bild und sagen, es sei Wirklichkeit. Nein, das war es für mich wirklich nicht. Alles war unwirklich. Der Zuschauer darf spüren, dass derzeit keiner weiß, was wirklich wahr ist. Aber der Moderator soll auch Souveränität ausstrahlen und Ruhe. In der Not und im Sturm ist er der Anker.

Der Zuschauer soll sich den Rest denken

Ich sage mir deshalb: Zeig keine Gefühle. Sprich keine Dramatik aus. Die Lage selbst ist so tragisch, dass du die Gefühle nicht auch noch verstärken darfst. Selbst wenn man dir die Betroffenheit ansehen mag. New York ist auch ein Teil meiner Biographie, ich habe dort drei Jahre intensiv gelebt. New York ist mir immer noch Heimat. Mit all meinen Freunden dort. Denk nicht daran.

Ich sehe die Bilder im selben Augenblick wie die Zuschauer. Es springen Menschen aus den Türmen. Soll ich es ansprechen? Lieber nicht. Dann sage ich es doch. Da springen Menschen aus den Fenstern. Aber der Zuschauer soll sich den Rest denken. In seiner Biographie schreibt Bundeskanzler Gerhard Schröder, in diesem Moment habe er geweint, weil er wusste, dass die Menschen vor dem Feuer oben in den Tod unten fliehen. Ich aber habe nur Angst, dass ein sensationshungriger Bildregisseur dann in Großaufnahme zeigt, was von den Körpern unten übrig geblieben ist. Zwei Wochen später träume ich, ein Flugzeug stürze rückwärts aus dem Nachthimmel irgendwo neben dem Eiffelturm in das Panorama von Paris.

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