Ulrich Wickert

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Zeit zu handeln

Es ist Zeit zu handeln. Das klingt einfach, ist es aber nicht. In den vergangenen Jahren hat sich das Unbehagen an der Entwicklung der Gesellschaft ausgeweitet. Zahlreiche Abhandlungen sind erschienen, die nach den Gründen dafür suchen. Häufig ist die Rede von Wertekrise, und in Diskussionen nicken alle betroffen und fragen: „Wer tut denn jetzt was?“ Derjenige, der über das Unbehagen spricht, der erklärt, wie man den Werten wieder einen Wert geben kann – und weshalb das notwendig ist -, der könnte doch etwas tun ... „Wir unterstützen Sie auch dabei“, wird ihm wohlwollend versichert. Aber wenn die Antwort lautet, sie mögen nicht auf einen Heiland warten, der sie aus dem Jammertal führt, sondern jeder müsse selbst Hand anlegen, zeigen sich die Gutmeinenden bestürzt. Vielleicht möchte der eine oder andere etwas unternehmen. Aber wie und wo?

Als im Herbst 2000 ein Molotow-Cocktail gegen die Synagoge von Düsseldorf geworfen wurde, zeigte sich Bundeskanzler Gerhard Schröder empört, reiste sofort an, um den Juden in Deutschland sein Mitgefühl zu bekunden und forderte zum „Aufstand der Anständigen“ auf. Dieses Wort machte Karriere, so dass mit diesem Leitspruch in einer Anzeige in der „Zeit“ unter der Rubrik „Verschiedenes“ sogar gastfreundliche Familien für russische Schüler gesucht wurden. Wozu aber sollen die Anständigen aufstehen? Gefragt ist Anstand, der auf die Umgebung abfärbt, der Verhalten ändert und von Dauer ist. Es reicht nicht, gemeinsam in so großer Zahl wie nur möglich Lichterketten zu bilden oder gegen Rassismus zu demonstrieren. In der großen Masse ist es einfach, mal für ein paar Stunden anständig zu sein. Schwer ist es, dies im Alltag so zu bleiben, dass sich daraus eine Wirkung auf die Umgebung ergibt.

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