Sprecht mit den Leuten!
Dezember 2025, SUPERillu
Als „Tagesthemen“-Moderator war Ulrich Wickert Kult. Längst ist er auch Schriftsteller, und soeben erschien ein weiterer Krimi von ihm. Wir sprachen mit den frankophilen Schöngeist
Mit „Der Raub im Tunnel" hat Ulrich Wickert, 83, jüngst den achten Band seiner erfolgreichen Reihe um Jacques Ricou vorgelegt. Der Pariser Untersuchungsrichter liegt seinem Schöpfer sehr am Herzen und weist manche Parallele mit ihm auf. „Ricou und sein guter Freund, Kommissar Mahon, pflegen das Ritual der ‚Tropenregel‘: Um Punkt 18 Uhr – keine Minute früher oder später – trinken sie ab und an einen kleinen Whisky miteinander. Das mache ich auch gern mal.“Geboren in Tokio als Sohn eines Botschaftsmitarbeiters, entflammte in Wickert schon früh das Interesse am Schreiben. „Für mich ist das wie essen und trinken. Meinen ersten Artikel habe ich als 14-Jähriger veröffentlicht – dabei wollte ich ursprünglich Diplomat werden und studierte dafür Jura. Aber die Juristerei hat mich gelangweilt. Tja, und dann kam es, wie es wohl kommen musste … Vielleicht wäre ich auf dem glatten Parkett des diplomatischen Dienstes auch hier und da ausgerutscht wegen meines Hangs zu klaren Worten.“
Stattdessen wurde Wickert über einen kleinen Umweg Journalist – und moderierte auf dem Karrieregipfel die altehrwürdigen „Tagesthemen“ (1991-2006). Unvergessen sind seine Worte zum Schluss einer jeden Ausgabe, wenn er den Zuschauern „einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht“ wünschte. Zuvor hatte er u. a. vom New-York und Paris-Büro der ARD aus mit zahlreichen Reportagen von sich reden gemacht. „Ich bekam das eine oder andere Angebot, das einen Aufstieg in der Hierarchie bedeutet hätte – aber so was hat mich nie interessiert.“ Er lacht: „Ich wollte keine Reisekostenabrechnungen anderer unterzeichnen, sondern sie selbst verursachen.“
Zu Ostdeutschland hat er eine besondere Beziehung: So stammte sein Vater aus dem brandenburgischen Bralitz, und Wickert war zehn Jahre lang Honorarprofessor an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Gern erinnert er sich auch an die 2001 verstorbene Regine Hildebrandt († 60): „Ich kannte sie gut und bewunderte sie sehr. Für eine Dokumentation hatte ich Frau Hildebrandt ein Wochenende lang in der Mark Brandenburg begleitet. Eine hervorragende Politikerin und Persönlichkeit, mit der ich das Brandenburgische Sozialwerk gründete. Leider ist sie viel zu früh gestorben.“
Auch zu Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel äußert er sich mit Blick auf den Osten: „Das Interessanteste an ihrer Autobiografie ist, was sie über ihre Zeit des Aufwachsens in der DDR erzählt. Sie hatte ein gutes Leben, war nicht unglücklich. Dabei wird im Westen ja bis heute häufig vermutet, dass das Leben jenseits der Mauer ganz freudlos gewesen sei.“ Wickert weiter: „Da kann ich nur raten, so wie ich es immer getan habe: Fahrt hin und sprecht mit den Leuten; macht euch selbst ein Bild! Ich weiß noch: Als damals die Mauer fiel, war ich Paris-Korrespondent – und 14 Tage später in Bralitz, auf den Spuren meines Vaters. Ich wollte das alles sehen.“
Was können sich die Deutschen von den Franzosen abgucken? Das fragen wir den Wahl-Hamburger zum Schluss, auch in Anlehnung an sein aktuelles Buch und die große Liebe, die er für unser Nachbarland hegt. Er: „Die Leichtigkeit in der Art zu leben – die wünschte ich mir tatsächlich manchmal auch in Deutschland.“
Björn Wolfram