Berührende Momente mit Wickert
04.05.2026, Höxtersche Zeitung
Ehemaliger Tagesthemen-Moderator (83) hält am Sonntag im Kaisersaal die 22. „Hoffmann-Rede“ – viel Zuspruch
HÖXTER (WB). Er hat Millionen Fernsehzuschauern in mehr als 2500 Sendungen am Ende stets eine „geruhsame Nacht“ gewünscht. Dieses Mal sorgte Ulrich Wickert, Ex-„Mister Tagesthemen“, am Sonntag für einen Besuch in Corvey, der allen noch lange in Erinnerung bleiben dürfte.
TV-Profi und Buchautor Ulrich Wickert, der mit seiner Ehefrau Julia Jäkel (Managerin und Verlegerin) angereist war, zeigte bei der „22. Corveyer Hoffmann-von-Fallersleben-Rede“ überraschend viel Gefühl und spontane Emotionen. Und das war der Hintergrund, warum der 83-jährige Journalist und ausgebildete Jurist mit seiner besonderen Liebe zu Frankreich und Paris den Tränen so nahe war: Der heimische Pianist Hans Hermann Jansen (Musikmanager aus Marienmünster) und Sängerin Yvonne Sperling aus Höxter trugen das berühmte Lied „Göttingen“ der französischen Sängerin Barbara aus dem Jahr 1964 vor. Es galt nach dem Zweiten Weltkrieg als ein wesentlicher Beitrag zur Völkerverständigung zwischen den Ländern Frankreich und Deutschland.
Wickert, der als Profi vor laufender Kamera immer Contenance bewahrt hat, zeigte sich in Corvey von einer zutiefst empathischen Art. Dieses Lied berührte den ehemaligen Studioleiter in Paris so sehr, dass er für einen kurzen Moment innehalten musste und das erste Mal sprachlos war, als er am Rednerpult im Kaisersaal stand.
„Ich war seinerzeit Korrespondent in Paris und hatte einen Freund, der Mitarbeiter von François Mitterrand (französischer Staatspräsident) war. Dann gab es einen Staatsempfang mit dem israelischen Staatspräsidenten und eine Gesangseinlage – eben das besagte ‚Göttingen‘. Mitterrand wollte damit zum Ausdruck bringen: Wir haben hier in Paris und dort in Göttingen die gleichen Menschen!“
Nur darauf komme es doch an, sowohl damals wie heute. Auch wenn im Pass eine bestimmte Nationalität stehe, so sei doch jeder in erster Linie ein Mensch – und vielmehr der Zufall entscheide, welche Nationalität man habe. Wickert, der als Sohn eines Diplomaten (Rundfunkattaché in der deutschen Botschaft) im Dezember 1942 in Tokio zur Welt kam, kehrte erst 1947 mit seiner Familie wieder zurück. In Frankreich ging Wickert zur Schule und lernte dort innerhalb kürzester Zeit die fremde Sprache, wie Dr. Michael Stoltz vom Arbeitskreis im HVV Höxter als Organisatorin Erinnerung brachte. Wickert war später unter anderem Auslandskorrespondent in Paris, Washington und New York. Und er hat mehr als 30 Bücher veröffentlicht – unter anderem das Werk „Alles über Paris“.
Hausherr Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey lobte Wickert für seine besondere „Anziehungskraft“. Wickert habe es in der langen Tradition der Maireden in Corvey geschafft, dass innerhalb kürzester Zeit alle Sitzplätze vergeben waren. Weil Dr. Stoltz davon erzählte, dass Wickert stolze 196 Zentimeter groß sei, leitete Bürgermeister Daniel Hartmann sein Grußwort mit folgender Bemerkung ein: „Zwei Meter und Eins!“ (seine Körpergröße). Der ganze Saal reagierte mit Beifall. Hartmann ließ aber keinen Zweifel daran, dass mit Wickert einer der ganz großen Journalisten den Weg in die Weserstadt gefunden habe. „Wickert hat uns mitgenommen auf eine Reise durch Beobachtungen, Erfahrungen und Gedanken über Deutschland. Klar, ruhig, differenziert – in dieser besonderen Haltung, die viele von uns seit Jahrzehnten kennen.“ Er selbst gestand: „Ich bin mit ihm groß geworden!“ Die Spenden für die Veranstaltung kommen dem „Gnadenhof Hervel“ in Herscheid zugute. Auch über einen Eintrag von Wickert ins „Goldene Buch“ der Stadt Höxter durfte sich Hartmann freuen.
Von Harald Iding