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Ulrich Wickert rechnet in Höxter mit der Nationalhymne ab

03.05.2026, Neue Westfälische

Ausverkaufter Corveyer Kaisersaal: Ulrich Wickert verbindet die Preisrede mit der Debatte über die Nationalhymne – und am Ende kommen ihm die Tränen.

Ulrich Wickert trägt sich neben einem Bürgermeister in ein Gästebuch ein; rechts ein großes historisches Porträt.
Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Höxter: Ulrich Wickert verewigt sich ein unter den Augen des Porträts von August Heinrich Hoff- mann von Fallersleben und von Bürgermeister Daniel Hartmann. (Foto: Burkhard Battran)

Höxter. Da hat dieser hagere, groß gewachsene alte Mann von 83 Jahren doch tatsächlich fast eine Stunde lang darüber hergezogen, wie politisch geradezu grotesk es doch ist, einen Text wie Hoffmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ zum Text der deutschen Nationalhymne zu machen. Und das gewissermaßen im letzten Zuhause von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf Schloss Corvey.

Typisch Ulrich Wickert, möchte man da sagen. Als 22. Preisträger des Corveyer Hoffmann-von-Fallersleben-Preises war der ehemalige Mr. Tagesthemen als Referent der diesjährigen Hoffmann-von-Fallersleben-Rede in den restlos ausverkauften Corveyer Kaisersaal eingeladen. „In Rekordzeit von nur zwei Tagen waren die Karten vergriffen, was zeigt, wie wichtig gerade in unserer Zeit der Informationsflut, die kritische Einordnung von Nachrichten ist“, sagte Bürgermeister Daniel Hartmann bei der Preisverleihung.

Und auch wenn Wickert sehr kritisch mit diesem speziellen Text von Hoffmann von Fallersleben umging, nahm ihm das niemand der rund 240 Zuhörerinnen und Zuhörer im Corveyer Kaisersaal übel. Am Ende sang man sogar gemeinsam und mit Inbrunst die dritte Strophe, die tatsächlich ja erst seit 1991, der offiziellen Wiedervereinigung, als amtlicher Text der Nationalhymne gesetzlich festgelegt ist.

Es hätte also viel Zeit gehabt, es auch anders zu regeln. „Politisch ist das doch gar nicht vermittelbar, warum die dritte Strophe gut und richtig und die erste Strophe genau das Gegenteil sein soll und dazwischen die zweite Strophe, mit ihrer betulichen biedermeierschen Spießbürgerlichkeit, das passt doch alles vorn und hinten nicht zusammen“, führte Wickert aus.

In seiner Rede erinnerte Wickert auch daran, wie sehr sich an dem Text über lange Zeit die Geister geschieden haben und er eher spaltete als Gemeinschaft zu stiften. Wickert erinnerte daran, dass der jüdisch-deutsche Publizist Michel Friedman seiner Zeit nicht habe Regierungssprecher werden können, weil es dem Sohn Pariser Holocaustüberlebender nicht möglich war, die Nationalhymne mitzusingen. „Mit Schillers Ode an die Freude hätten wir uns das erspart und hätten sogar dieselbe Hymne wie die EU, eine bessere Lösung hätte es für Deutschland doch gar nicht geben können“, sage der Hamburger Buchautor und ehemalige Fernsehjournalist.

Hoffmann von Fallersleben war ein Kind seiner Zeit und müsse aus dieser Zeit heraus verstanden werden, sagte auch Gastgeber Viktor Herzog von Ratibor. „Als mein Ur-Ur-Ur-Großvater Hoffmann von Fallersleben nach Corvey holte, ehrte er damit einen Mann, der sich sein ganzes Leben gegen Kleinstaaterei und für Freiheit eingesetzt hat, auch wenn er damit seine eigene Freiheit und seine Existenz aufs Spiel gesetzt hat“, sagte der Herzog zur Begrüßung der Zuhörerinnen und Zuhörer im ausverkauften Kaisersaal.

Ein besonders emotionaler Moment war, als Sängerin Yvonne Sperling (45) von Pianist Hans-Hermann Jansen begleitet das französische Chanson „Göttingen“ vortrug. Dieses Lied ist eigentlich nur bei Fans der Sängerin Barbara und bei Experten der deutsch-französischen Freundschaft bekannt. Barbara, die eigentlich Monique Serf heißt, war Französin jüdischer Herkunft. Als Kind musste sie sich während der deutschen Besatzung Frankreichs vor den Nationalsozialisten verstecken.

Im Jahr 1964 wurde sie zu einem Konzert ins Junge Theater nach Göttingen eingeladen. Zunächst wollte sie nicht kommen, nahm die Einladung aber schließlich doch an. Die Begegnung mit der Stadt und besonders mit den jungen Menschen dort berührte sie tief. Sie schrieb daraufhin das Lied „Göttingen“, angeblich sogar noch während ihres Aufenthalts im Garten des Theaters. All das weiß Ulrich Wickert natürlich. Mit Tränen in den Augen gab er Sängerin Yvonne Sperling die Hand und dankte für den Vortrag. Ulrich Wickert: „Ich habe einen engen persönlichen Bezug zu diesem Lied, denn ich durfte dabei sein, als Staatspräsident François Mitterrand Barbara eingeladen hatte, dieses Lied bei einem israelischen Staatsempfang im Élysée-Palast vorzutragen.“

Der Erlös der Veranstaltung sowie das Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro kommen übrigens auf Wunsch von Ulrich Wickert dem Gnadenhof Hervel im Märkischen Kreis zugute.

Von Burkhard Battran